SpacerLogo Leichtlesbar
Das Leben als Mann






 © 2009-2014
Christian Bachmann

Powered by
Easy-Site ®


Er beginnt als Macho, verkommt dann zum öden Spiesser und mausert sich auf seine alten Tage vielleicht doch noch zum Geniesser - wenn auch stets von der Angst verfolgt, nicht mehr zu können.

Dieses «Robotbild» des typischen Mannes entwarf der Düsseldorfer Professor Heinz-Günter Rechenberger aufgrund seiner 22-jährigen Erfahrung als Sexualtherapeut.

Rechenberger hatte in den Fachbüchern zwar viel über männliches Verhalten, doch kaum Brauchbares über die männliche Erlebniswelt gefunden. So machte er sich daran, die Erlebnisse seiner zahlreichen männlichen Patienten zu erfassen. Seine Thesen haben in der Fachwelt für einigen Widerspruch gesorgt.

Der wichtigste Einwand liegt auf der Hand: Kann man aus den Erlebnissen von sexuell Gestörten allgemein gültige Schlüsse ziehen? Man kann - mit der nötigen Vorsicht. Denn nur wenige Männer haben keine sexuellen Probleme.

Was Rechenberger besonders aufgefallen ist: Die Sexualnöte seiner Patienten unterschieden sich in den verschiedenen Altersgruppen deutlich. Und zwar auf eine so typische Weise, dass sich doch eine gewisse Regel abzeichnet.

«Vom Beginn der sexuellen Betätigung an bis etwa zum 25. bis 30. Lebensjahr ist das sexuelle Erleben des Mannes geprägt vom Wunsch nach Bestätigung der eigenen sexuellen Identität: Ich bin ein Mann.» Masse, so Rechenberger, gehe in dieser Zeit vor Klasse. In Gesprächen mit Kumpels dominiere die Frage: Wie oft kannst du? Die Qualität tauche jedoch als Thema kaum auf. Der typische junge Mann habe Angst, den Leistungsansprüchen - eigenen und solchen der Partnerin - nicht genügen zu können.

Geradezu vernichtend fällt Rechenbergers Urteil über die Sexualität in der Lebensmitte, etwa zwischen 35 und 50, aus: Wenn überhaupt Erlebnisse und nicht bloss Gewohnheit stattfinde, dann noch am ehesten bei Seitensprüngen oder Bordellbesuchen. Diese Phase sei auch stark vom «verbalen Onanismus» geprägt, womit der Professor obszöne Männerwitze meint.

Doch zum Glück beginnt es in der sexuellen Wüste mit fortschreitendem Alter wieder zaghaft zu grünen. Denn ab etwa 45, ausgerechnet in der Midlife Crisis, wiederholen sich nicht nur Krisen, sondern auch Freuden aus der längst vergangenen Pubertätszeit.

Die Phantasie belebt sich neu, schweift sogar in neue Gefilde, und der Spiesser, so er einer war, wird jetzt vielleicht doch noch zum Geniesser. Anders als in jungen Jahren braucht der Mann jetzt die Selbstbestätigung nicht mehr. Er weiss inzwischen, wer er ist. Diesen neuen Freiraum besetzt eine spielerische Lust.

Allerdings ist sie in der Regel seltener als früher. Der Verzicht wird zum ständigen Begleiter, auch die Angst, «nicht mehr zu können». Doch andere Untersuchungen zeigen deutlich, dass sexuelle Aktivität hier der entscheidende Faktor ist - viel wichtiger als der altersbedingte Rückgang der Sexualhormone.

Wenn der Mann in einer befriedigenden Beziehung lebt, kann er jetzt den Gipfel sexuellen Lusterlebens erreichen. Wenn nicht, bringen in diesem Alter Selbstbefriedigung, Pornographie und von der Norm abweichende Praktiken den grössten Lustgewinn.

Für das sexuelle Erleben des Mannes in allen Phasen entscheidend ist, nicht weiter verwunderlich, die Partnerin. Die Äusserungen weiblicher Lust sind Reizmittel, neben denen fast alle sogenannt objektiven Reiz-Signale verblassen.

Das sexuelle Erleben ist eine innere Welt, und dazu gehören Anregungen in Form von inneren Reizen, also durch die Phantasie. Selbst Pornographie wirkt kaum als Reiz durch die objektiv abgebildete Situation, sondern indirekt durch die Vorstellungen, die sie damit anregt.

Was der männliche Pornobetrachter also sehen will, sind nicht nur schöne nackte Frauen und Genitalien in Grossaufnahme. Was er am meisten sehen will, sind Frauen, die ihre Lust ungeniert zeigen.

So erscheinen auch Rechenbergers Alters-Phasen in einem neuen Licht. In der Macho-Phase glaubt der Mann, seine Partnerin durch Leistung anmachen zu können. Da Frauen anders empfinden als Männer, schlägt dieser Versuch meistens fehl und mündet in Resignation: die Spiesser-Phase beginnt. Frustriert suchen nun Männer wie auch Frauen nach neuen Wegen der Befriedigung. Wenn sie sich finden, kann sich auch neue Lust einstellen.

Die Spiesser-Phase ist eigentlich völlig unnötig. Meistens fällt sie in eine Zeit, in der beruflicher Stress, Belastung durch Eigenheim, Status und Kinder die Prioritäten setzen.

Da Rechenbergers Forschung ganz klar zeigt, dass sexuelles Spiessertum im Grunde nichts als eine Durchgangsphase ist, bleibt für Betroffene eigentlich nur ein Fazit: den Sex-Frust möglichst schnell hinter sich bringen!

© Christian Bachmann

zurück