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Angst ist immer dabei






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Christian Bachmann

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Die Stunde der Wahrheit kann brutal sein. Da hat Mann sich so auf die Begegnung gefreut, doch wie es soweit ist, will «er» nicht stehen. Vor dieser Ur-Szene männlicher Angst fürchten sich viele Männer so sehr, dass sie auf sexuelle Kontakte lieber verzichten.

Zur Angst, seine Männlichkeit nicht beweisen zu können, kommen seit einigen Jahren noch weitere hinzu: vor emanzipierten Frauen, vor Ansteckung mit Aids.

In den Praxen der Ehe-, Familien- und Sexualtherapeuten zeigt sich immer wieder: der grösste Sex-Killer ist die Angst. Die meisten Potenz- und anderen Sexualstörungen gehen auf ihr Konto.

So weit so schlecht. Doch umgekehrt gilt auch: Wer beim Sex überhaupt keine Angst verspürt, wird kaum etwas Aufregendes erleben. Denn völlig angstfreier Sex reduziert sich auf öde Routine.

Angst hat also durchaus auch positive Seiten, sofern sie nach Art eines Gewürzes dosiert ist und nicht das ganze Empfinden beherrscht. Ein aufregendes Abenteuer wäre undenkbar ohne die gewisse Portion Angst, die sich bei jedem Ereignis mit ungewissem Ausgang - sei es nun sexuell oder nicht - wie von selbst einstellt.

Solange die Angst das Selbstvertrauen nicht umstürzt, sondern nur etwas kitzelt, hat sie einen durchaus belebenden Effekt.

Kann es angstfreie Sexualität überhaupt geben? Es muss sie geben, forderten einst kategorisch die progressiven Sexualerzieher. Doch die Wahrheit ist, dass die Menschen so verletzlich geblieben sind wie eh und je. Noch immer kann es bedrohlich sein, vor seiner Partnerin oder seinem Partner die Maske fallen zu lassen und sich so zu zeigen, wie man wirklich ist.

Wer sich im Orgasmus voll gehen lässt, spürt nicht nur «grenzenlose» Lust, sondern verliert auch die Kontrolle über sich. Die Grenzen der Persönlichkeit verwischen sich. Nicht umsonst nennen die Franzosen den Orgasmus «la petite mort», den kleinen Tod.

Fehlt das gegenseitige Vertrauen, dann hat man entweder Angst, sich dem Gefühl ganz hinzugeben, oder man fürchtet, der Partner könnte die Situation ausnützen.

Eine früher von der Kirche stark geschürte Angst ist die vor dem «Trieb». Noch heute wirkt diese Verketzerung nach, denn man macht einem Menschen nicht unbedingt ein Kompliment, wenn man ihn «triebhaft» nennt. Wer gerade geil gestimmt ist, freut sich sicher über seinen kräftigen Trieb. Doch im gewöhnlichen Alltagsleben erleben ihn die meisten Menschen nach wie vor als subversiven Faktor, der die wohlanständige Ordnung stört.

Wer sich auf Sex einlässt, läuft in jedem Fall Gefahr, sich etwas Bleibendes zu holen. Bei flüchtigen Begegnungen sind es vielleicht eher Infektionen, in Dauerbeziehungen mehr Pflichten und Bindungen.

Das Angst- und Konfliktpotential der Sexualität ist wohl etwas kleiner geworden, seit die jungen Mädchen sich nicht mehr fürchten, von einem Kuss schwanger zu werden, seit es die Pille gibt und es nicht mehr undenkbar ist, über Sex zu reden.

Doch das sind Kleinigkeiten, verglichen mit dem ganzen zwischenmenschlichen Zündstoff, der seit Jahrtausenden in den Beziehungen zwischen Mann und Frau steckt. Und die spielen sich eben nicht nur im Liebesnest ab, sondern haben auch ihre sozialen und wirtschaftlichen Seiten.

Nicht selten sind es Konflikte, die Angst machen, Sie können aus den unterschiedlichen Interessen der Geschlechter entstehen. Nach der Unisex-Welle hat sich nun doch herausgestellt, dass Mann und Frau recht verschiedene Wesen sind und es nicht immer leicht haben, einander zu verstehen.

Neben der Faszination vermittelt das andere Geschlecht auch primitive Angstgefühle - ähnlich jenen, die engstirnige Dörfler und Kleinstädter zu Fremdenhassern machen. Wenn es eine Ursache für den so oft beschworenen 'Sexismus' gibt, dann ist es bestimmt die Angst.

Sie lässt sich nur durch Kontakte abbauen, in Gesprächen und mit Zärtlichkeiten. Dann wird sich bald einmal herausstellen, dass viele «emanzipierte» Frauen die Männer nicht ablehnen, sondern eigentlich ganz faszinierend finden.

Und Männer werden erfahren, dass die einseitigen Geschlechterrollen wie «Macho» und «Softie» längst überholte Trugbilder sind, die nur dann Angst machen, wenn man sie ernst nimmt. In Wirklichkeit gibt es männliche und weibliche Stärken, männliche und weibliche Schwächen.

Ein weiterer Angstfaktor in der Liebe ist das oft gestörte Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz. Zu grosse Nähe weckt Angst vor Unfreiheit, zu grosse Distanz macht einsam. Paare, die es schaffen, ihren Abstand flexibel und dynamisch zu gestalten, die verschiedenen Möglichkeiten auszutesten und die daraus entstehenden Konflikte auszutragen, werden kaum Probleme damit haben.

Es geht also nicht darum, keine Angst zu empfinden, sondern mit ihr leben zu können - aufregend und lustvoll.

© Christian Bachmann

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