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Es ist ja ganz anders






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Christian Bachmann

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Wenn Sie im Bett mehr Spass haben wollen, sollten Sie des Kaisers neue Kleider endlich ausziehen!

Was Menschen über Sex wissen oder zu wissen glauben, ist ein immer wieder interessantes Thema. Um so mehr, als Wissen und Können einiges miteinander zu tun haben.

Unser Wissen, egal wie umfangreich oder lückenhaft, hat einen entscheidenden Nachteil: Es stammt zum grossen Teil aus Büchern. Nichts gegen Bücher. Sie sind nützlich und haben vielen geholfen, auch im Sex. Ausserdem hat ja jede Leserin und jeder Leser eigene Erfahrungen gemacht und damit sexuelles Leben mehr oder weniger praktisch kennengelernt.

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, wieviel von dem Wissen angelesen und wieviel selbst erfahren ist. Nicht Quantität, sondern Qualität entscheidet. Und das ist der Punkt: Was schwarz auf weissem Papier steht, zählt für viele Menschen mehr als alles, was sie erlebt haben. Viele glauben sogar erleben zu müssen, was sie in den Büchern gelesen haben.

Da steht zum Beispiel, nach dem Samenerguss erschlaffe das männliche Glied und sei dann für eine bestimmte Zeit nicht mehr erregbar, auch durch den stärksten Reiz nicht. Die ominöse Zeit hat sogar einen wissenschaftlichen Namen: «Refraktärperiode».

Keinem Menschen käme es in den Sinn, dies eine «unbewiesene Theorie» oder etwa gar «Mumpitz» zu nennen. Immerhin steht sie in den Büchern des Sexpapst-Paares Masters & Johnson, illustriert mit einer Kurve, die so aussieht, als handle es sich um exakt ausgemessene Tatsachen.

Trotzdem: Es stimmt nicht. Für mich nicht, und ich kenne Männer, für die sie auch nicht stimmt. Mal ganz wissenschaftlich ausgedrückt: Der Penis kann nach einer Ejakulation seine Erektion verlieren oder im erigierten Zustand bleiben, so dass nach einer gewissen Zeit eine zweite Ejakulation stattfinden kann. (Anm. d. Übers.: Ejakulation = Samenausstoss; Erektion = Versteifung, aufgerichteter Zustand.)

Bitte keine Missverständnisse! Man braucht kein Potenzprotz zu sein, um so etwas zu erleben. Übrigens kann das Phantom der «Refraktärperiode» genau so gut auch gleich von Anfang an zuschlagen, wobei es dann einen anderen lateinischen Namen trägt: «Impotenz».

Natürlich ist diese Aussage wissenschaftlich nicht korrekt, doch was soll's? Nehmen wir mal die Wissenschaft der Masters & Johnsons etwas genauer unter die Lupe - nicht mit dem Theoriebuch unterm Arm, sondern mit dem naiven Blick des Praktikers.

Die erwähnte Erregungskurve taucht seit den sechziger Jahren in unzähligen Büchern über Sex auf, mal abgezeichnet, dann wieder in Worten beschrieben.

Tatsache ist: Masters & Johnson haben in Labors an Paaren, die Sex machten, einiges gemessen. Die Ergebnisse dieser Messungen haben sie dann ausgewertet und in Kurven dargestellt. Gleichzeitig haben sie eine Theorie entwickelt, und falls sie die Kurve etwas «idealer» gezeichnet haben sollten, damit sie besser zur Theorie passte, dann hat es hier gar nichts zu bedeuten. Jeder Forscher tut das, um die Theorie einleuchtender und verständlicher zu machen.

Viel wesentlicher ist die Frage, was Masters & Johnson denn eigentlich gemessen haben: Erregungskurven von Menschen, die unter weissbekittelter Regie, verkabelt mit allerlei Sonden, im Labor sexuell miteinander verkehrt haben. Lust ist nicht messbar, Erregung schon. Und wenn die nicht gerade überbordete - wen wundert's?

Und eine Theorie, die auf solchen Daten beruht, sollen wir Liebhaber für unsere schönsten Stunden einfach so übernehmen? Sind wir denn bescheuert? Nur weil etwas in Hunderten von Buchtiteln in millionenfacher Auflage wiederholt wird, braucht es noch nicht wahr zu sein. Ebensowenig wahr wie des Kaisers neue Kleider im Märchen, von denen alles nur sprach, die aber niemand sehen konnte.

Der Vergleich stimmt nicht ganz, denn solange wir an die Theorie glauben, tragen wir «des Kaisers neue Kleider» auf unserer Haut, glauben sie sogar zu spüren. Da gibt's nur eins - ausziehen!

Wie die männliche sexuelle Reaktion verläuft, hängt von sehr vielen Faktoren ab. In den meisten Fällen sieht es so aus, als ob Masters & Johnson recht hätten. Doch die beiden haben eben nur gerade diese Fälle untersucht und tun so, als ob es nichts anderes gäbe. Aber eine Pflichtnummer auf dem Forschungsschragen hat mit einer ekstatischen Liebesnacht etwa soviel zu tun wie eine ausgehungerte Katze mit einem Tiger.

Tiger sind stark, aber faul. Sie strengen sich nur an, wenn sie wollen. Vor allem muss ein Tiger niemals sich selbst und anderen beweisen, dass er ein Tiger ist. Er ist es einfach. Wer als Mann glaubt, nun jedesmal zwei Ejakulationen in Serie haben zu müssen, wird bald einmal vernünftig werden und merken, dass es viel zu anstrengend ist. Die normale Art à la Masters & Johnson ist bequem und dürfte deshalb so beliebt sein.

So richtig über der Sache stehen Sie erst, wenn «er» nachdem er Sperma gespuckt hat, stehenbleiben will, Sie jedoch genug haben und aufhören. Ganz einfach weil Sie vielleicht zu müde sind.

© Christian Bachmann

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