SpacerLogo Leichtlesbar
Pubertät der Eltern






 © 2009-2014
Christian Bachmann

Powered by
Easy-Site ®


Wenn die Tochter damit beginnt, immer knappere Minis zu tragen und wenn der Sohn Stunden zu spät nach Hause kommt und dann, zur Rede gestellt, trotzig schweigt oder verlegen irgend eine Ausrede murmelt, dann beginnt auch für die Eltern so etwas wie eine zweite Pubertät.

Von ihrem Verlauf hängt ganz entscheidend ab, wie die Kinder mit ihrer erwachenden Sexualität zurecht kommen. Denn das eigentliche Problem der Jugendlichen ist nicht ihre Pubertät, sondern die Art und Weise, wie die Erwachsenen darauf reagieren.

Die Münchner Ärztin Frauke Schmidt, Spezialistin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, spitzt es sogar auf die Formel zu: «Wohl und Wehe eines Kindes liegen im Bett seiner Eltern.»

Die 17-jährige Doris (Name geändert) ist nur ein Fall von vielen. Ihre Mutter brachte sie zur Therapie, weil sie nach einer Punk-Phase sich jetzt völlig depressiv von allen Gleichaltrigen abkapsle und selbstmordgefährdet sei. Es stellte sich heraus, dass die Mutter sexuell völlig unbefriedigt war, aber aus Bindung an ihren Mann keine anderen Beziehungen einzugehen wagte. Als die Tochter das auszuleben begann, was die Mutter nicht ausleben durfte, kam es in der Familie zu heftigen Streitereien, denen die Tochter schliesslich durch depressiven Rückzug auszuweichen trachtete.

In einem anderen Fall sagte ein Vater zu der Therapeutin: «Es macht mir jetzt grosse Probleme, zu Hause einen zweiten Mann neben mir zu haben.» Der Vater (41) hatte schon seit Monaten keinen sexuellen Verkehr mit seiner Frau mehr gehabt. Er ertrug es nicht, dass sein Sohn sich entfaltete, und blockierte seine Entwicklung. Ergebnis: Der Sohn war so verängstigt, dass er sich nicht mehr auf die Strasse traute und mit allerlei «Wehwehchen» zu Hause blieb.

Die Fälle, in denen es schief gegangen ist, zeigen die Schattenseiten eines Problems, das durchaus auch positive Seiten hat.

Die Pubertät der Kinder bringt neues Leben in die Familie. Wenn die Eltern nicht grundsätzlich negativ eingestellt sind, kann die erwachende Sexualität der Kinder auch ihr eigenes Sexualleben bereichern.

Der Generationenkonflikt läuft im Grunde darauf hinaus, dass die Eltern, bestenfalls nach einigen wilden Jahren in ihrer Jugend, sexuell zu Spiessern geworden sind. Nicht zuletzt um ihren Elternpflichten nachkommen zu können, haben sie ihre sexuellen Ansprüche zurückgenommen, auf langweilige Routine reduziert. Und da kommen nun die Kinder und erleben Dinge, von denen die Eltern nur träumen können.

So ist purer Neid oft das Motiv der elterlichen Verbote und moralischen Sprüche, die der jugendlichen Sexualität, kaum erwacht, einen oft irreparablen Knacks versetzt.

Der Familienforscher Helm Stierlin hat herausgefunden, dass frustrierte Eltern ihre Kinder nicht nur als Partner-Ersatz an sich binden, sondern auch als Stellvertreter des eigenen, nicht gelebten Lebens in sexuelle Abenteuer zu drängen versuchen. Im Inzest fallen diese beiden Tendenzen besonders schlimm zusammen.

Das ist zum Glück nicht die Regel, sondern eine Entwicklung, die genauso positiv wie negativ verlaufen kann. Die Pubertät der eigenen Kinder stellt jede Familie vor einen Scheideweg: Was jetzt kommt, ist auf jeden Fall der Wechsel. Die Dinge geraten in Fluss. Wohin sie fliessen, hängt ganz von den familiären Voraussetzungen ab:

In Familien mit sexuellen Problemen werden sich diese Probleme weiter verstärken und allenfalls in eine dramatische Krise führen.

In Familien mit einem gesunden Sexualklima können jedoch positive Impulse daraus entstehen, so dass nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern sich weiter entwickeln.

Das Beste, was Eltern für ihre pubertierenden Kinder tun können, ist ein erfülltes Sexualleben führen. Denn alles noch so verständnisvolle Reden über Sex ist niemals so wirksam wie vorgelebtes Leben.

Oft stellt sich dabei heraus, dass Eltern viel mehr von ihren Kinder lernen können als umgekehrt. Zum Beispiel: Wieder einmal so richtig verliebt sein, heftige Gefühlsschwankungen zulassen und ausleben, Freude an spielerischer, erotischer Kleidung, jugendliches Ausflippen.

Warum nicht mal wieder in die Disco gehen? Dabei lockern sich nicht nur psychische Blockaden, sondern auch verspannte Glieder. Und was dann nachher im Bett läuft, hat plötzlich so gar nichts mehr mit der üblichen Ehe-Routine zu tun.

So ist gerade die Pubertät der Kinder eine ganz grosse Chance, die Freuden von Lust und Liebe wiederzuentdecken. Und wenn Jung und Alt noch vertrauensvoll miteinander über die entsprechenden Erlebnisse reden können, dann ist wohl das Beste ereicht, was die gemeinsame Pubertät einer Familie bieten kann.

© Christian Bachmann

zurück